Contesting Nietzsche

Contesting Nietzsche

In februari 2014 recenseerde Florian Häubi het boek ‘Contesting Nietzsche’ van Christa Davis Acampora. Häubi studeerde filosofie en geschiedenis in Tübingen en later in Nijmegen (Nietzsche Research Group) en Freiburg. Van zijn hand kwam ook het door Andreas Urs Sommer in 2019 uitgegeven ‘Scham und Würde’ (in de serie ‘Beiträge zur Friedrich Nietzsche’ bij Schwabe Verlag in Zwitserland) met een thematisch onderzoek in ‘Jenseits von Gut und Böse’. Als E-book verkrijgbaar en gratis te downloaden als PDF door onderaan het artikel de link te openen.

I: Zusammenfassung

Die Arbeit besteht aus einer Einleitung, fünf Hauptteilen – von denen jeder erneut mehrmals unterteilt ist –, einem Nachwort, einem Literaturverzeichnis sowie einem Index (Personen- und Sachregister).

Acampora versucht in ihrer Arbeit zu zeigen, dass Nietzsches Konzept des „Agon“ in erheblichem Masse einen Einfluss darauf hat, „what he argues and how“. Nach Acampora lassen sich Nietzsches philosophische Projekte[1], seine kritischen Bewertungen und Urteile sowie sein Argumentationsstil[2] von seiner Auffassung des „Agon“ her verstehen. Acampora arbeitet zunächst die Grundkonzeption von Nietzsches Agonbegriff auf der Basis von Homers Wettkampf aus, welche ihr als Ausgangspunkt für vier „Fallstudien“ zu Homer, Sokrates, Paulus und Wagner dient. Innerhalb dieser Fallstudien erhält Nietzsches Agonkonzept eine Modifizierung und Differenzierung, welche eine Entwicklung innerhalb von Nietzsches Schriften aufzeigen sollen.[3] Dabei geht es Acampora weniger darum nachzuvollziehen, was Nietzsche über die jeweiligen Opponenten schreibt oder was er kritisiert.[4] Vielmehr geht es ihr darum, „Nietzsche’s agonistic practice“ aufzuzeigen. In der Ausarbeitung einer Grundkonzeption des Agon in Bezug auf „Homer‘s Wettkampf“ gibt Acampora eine „typology of contests“ und hebt v.a. Nietzsches Ansicht eines produktiven, kreativen Agons hervor. Zentral sind ihrer Ansicht nach drei Punkte. Erstens die Zurückweisung einer strengen Trennung von Natur und Kultur und die Hervorhebung ihres Zusammenspiels und ihrer Abhängigkeit. Zweitens die Betonung einer werthervorbringenden agonistischen Interaktion, welche einen festigenden Einfluss auf eine Gemeinschaft/Gesellschaft haben kann. Und schliesslich Nietzsches Bewusstsein eines wesentlichen Unterschiedes zwischen der zeitgenössischen Kultur und der agonistischen Wertorientierung bei den Griechen. Diese Überlegungen bilden gemäss Acampora die Basis für Nietzsches weitere Auseinandersetzung mit den „general terms of organization that define and regulate agonistic exchange and the modes of activity available for participants.“ (S. 9)

In den vier folgenden Kapiteln untersucht Acampora verschiedene „Wertordnungen“ anhand deren sich Nietzsches Modifizierung des Agonkonzepts aufzeigen lässt. Anhand der genannten vier Typen (Homer, Sokrates, Paulus, Wagner) werden verschiedene „Kampfschauplätze“ dargestellt, so dass sich innerhalb der Kapitel thematische Schwerpunkte ergeben. Diese Schwerpunkte lassen sich wie folgt zusammenfassen. In der Auseinandersetzung Nietzsches mit Homer steht der Kampf als wesentlichstes Element tragischer Kunst im Vordergrund. Im Kapitel zu Sokrates wird der Kampf um Wahrheit innerhalb der sokratischen und platonischen Philosophie ausgearbeitet. Dieser steht in Zusammenhang mit der Frage nach unterschiedlichen Lebensauffassungen, Wachstum und Entwicklung und enthält eine Darstellung dessen, was Acampora Nietzsches „artful naturalism“ nennt. Im nachfolgenden Kapitel zu Paulus steht die Übernahme und Anpassung eines vergeistigten Kampfes innerhalb der christlichen Moralität im Fokus, wobei es Acampora darum geht, die Möglichkeiten eines neuen Ethos innerhalb einer postmoralen Zukunft auszuloten. Und schliesslich stellt Acampora Nietzsches Kampf mit und gegen Wagner in Zusammenhang zu Nietzsches Reflexionen über seine eigene Entwicklung sowie seine postmoralische Psychologie.

Besonders im Nachwort, aber teilweise bereits in den vorhergegangenen Kapiteln, wird ein weiteres zentrales Anliegen der Arbeit deutlich, nämlich Nietzsches philosophisches Projekt, das sich durch eine spezifische, wenn auch sich im Verlaufe seines Schaffes modifizierende Auffassung des Agon auszeichnet, innerhalb zeitgenössischer Diskussionen fruchtbar zu machen.[5]

II. Charakterisierung/Kritische Bemerkungen

Das Buch ist angesichts seiner Thematik und seines Anspruchs mit 207 Seiten (ohne Vorwort, Fussnoten und Anhang) eher kurz, aber sehr dicht und anspruchsvoll geschrieben. Die Argumentation (und dies bezeugt auch das ausführliche Literaturverzeichnis und die prägnanten Fussnoten) zeigen fundierte Kenntnisse der Thematik sowie von Nietzsches Schriften.

Am besten lässt sich das Buch charakterisieren, indem man auf die allem Anschein nach intendierte doppelte Bedeutung des Titels „Contesting Nietzsche“ hinweist. Zum einen handelt es sich darum, „contest“ und „agon“ als eine Aktivität und Praxis aufzuzeigen, von der her sich Nietzsches philosophisches Projekt verstehen lässt. Zum anderen geht es auch darum, sowohl die Analyse und Struktur des Agons bei Nietzsche als auch das sich in den verschiedenen Auseinandersetzungen, insbesondere mit Paulus und Wagner, sich abzeichnende, neue Ethos innerhalb bestimmter, zeitgenössischer Debatten fruchtbar zu machen. In diesem Sinne wird Nietzsche selbst herausgefordert. 

Das Buch ist auf einem hohen Abstraktionsniveau und setzt eine gute fundierte Kenntnis von Nietzsches Schriften und seiner Philosophie voraus. Es ist letztlich zumindest in weiten Teilen nicht nur eine Darstellung von Nietzsches Agonkonzept, sondern eher und vor allem ein Versuch Nietzsches Philosophie als solche durch ein sich wandelndes Verständnis des Agon zu deuten und zu erklären. Dies bedingt, dass Acampora auf mehreren Ebenen argumentiert, was teilweise die Orientierung erschwert. Ich nenne hier drei Ebenen. Zum einen die Darstellung dessen, was sich in Nietzsches Schriften als Kritik an den verschiedenen Opponenten findet und als Nietzsches „agonistic practice“ beschrieben wird. Zum anderen die hinter dieser kämpferischen Auseinandersetzung stehende und sich über die verschiedenen Kampfschauplätze weiterentwickelnde Agonkonzeption selbst. Und schliesslich die Ausarbeitung der den einzelnen Opponenten zugeordneten thematischen Schwerpunkte, wie beispielsweise „Nietzsche’s (Artful) Naturalism“ im Kapitel zu Sokrates. 

Eine weitere Problematik des Buches besteht darin, dass nicht ganz klar wird, wie sich die behaupteten Wandlungen von Nietzsches Agonbegriff zu den Kapiteln zu Homer, Sokrates, Paulus und Wagner verhalten. Die Anordnung der Kapitel zeigt eine chronologische Ordnung und wird durch eine entsprechende Textauswahl auch innerhalb von Nietzsches Schriften suggeriert. Es scheint eine gewisse Spannung zu bestehen zwischen den verschiedenen Formen des Agon, welche den einzelnen Kampfschauplätzen zugeordnet werden, einerseits und der Entwicklung von Nietzsches Auseinandersetzung mit den einzelnen Opponenten innerhalb seiner Schriften andererseits. Teilweise erscheint es so, als würde es sich bei Homer, Sokrates, Paulus und Wagner um einzelne, in sich abgeschlossene Kampfschauplätze handeln, die einander innerhalb von Nietzsche Schriften ablösen. 

Über das Ganze gesehen stellt Acamporas Buch einen gelungenen Versuch dar, aus einer gewissen Distanz, Struktur und Bedeutung des Agons bei Nietzsche herauszuarbeiten. Überzeugender als die Hauptthesen des Buches als Ganzes scheinen aber die Teilanalysen zu sein, innerhalb deren Acampora Nietzsches „agonal practice“ in Zusammenhang mit thematischen Schwerpunkten stellt, wie Naturalismus, Moralpsychologie, Selbstwerdung, etc. und die als eigenständige Teile gewürdigt werden können. 

         Florian Häubi

         Freiburg (CH), Februar 2014


[1] S. 7 – 8: „How Nietzsche thinks about contest substantially informs how he raises and pursues axiological, epistemological, and metaphysical questions. Throughout the book, I show how his agonism influences his conception of what it means to engage in philosophical thinking and draw other into it.” 

[2] S. 7: „The articulation of an analytic framework of agonism also sheds light on how Nietzsche pursues his major philosophical concerns. Specifically, I argue that a partial explanation of the differences in argumentative approach and style that are evident in Nietzsche’s writings can be found in his effort to effect himself as a certain kind of agonist.”

[3] S. 3: „My sensitivity to the development of his ideas intends to show that what he learns from one application of his views of contest, for example, in the case of art and his analysis of the agonal basis of the creative forces of tragedy, leads him to adopt a different approach and scope in the next, as, for example, when he considers viewing all of existence as potentially engaged in organizing struggles and begins to explicitly develop his ideas of will to power.”

[4] Siehe z.B. im Kapitel zu Sokrates folgender Hinweis, S. 82: „Most of this chapter is not about Nietzsche’s agonist Socrates or even what Nietzsche writes about Socrates but rather what Nietzsche does as a result and in the course of opposing him: that is, how he expresses his opposition to Socrates in developing an alternative.“

[5] S. 7: „Moreover, I find these particular insights applicable and relevant to several concerns in contemporary philosophy, particularly in the areas of aesthetics, ethics, epistemology, and political theory. So, while this book is chiefly an interpretation of the philosophical projects of Nietzsche, it has aspirations to facilitate work beyond Nietzsche studies.”

De link voor ‘Scham und Würde:

https://www.schwabeonline.ch/schwabe-xaveropp/elibrary/start.xav?qn=%24%24%24OpenURL%24%24%24&id=doi%3A10.24894%2F978-3-7965-4014-1#elibrary%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27978-3-7965-4014-1_productpage%27%5D__1592423162122

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